Praxis für Sozialtherapie, pädagogische Förderung und Hippotherapie

Pferdegestützes Persönlichkeitstraining

Ausgangslage:

Menschen, die unter jeglicher Art Belastung leiden, sich Ausnahmesituationen ausgesetzt fühlen , befinden sich gesellschaftlich wie auch persönlich in Außenseiterpositionen, die für sie eine hohe psychische Belastung darstellen. Da oft in Schule und Beruf, sowie auch im sozialen Umfeld  die  Anerkennung  fehlen, treten Unsicherheiten, mangelndes Selbstwertgefühl und psychosomatische Krankheitsbilder auf. Die Auseinandersetzung mit der Umwelt, sowohl im beruflichen als auch im privaten Kontext wird oftmals stark reduziert. Die eigene Situation wird subjektiv als höchst unbefriedigend empfunden und kann in einen Zustand der Resignation münden. Negative Verstärker sind zudem ein mangelndes soziales Netz, sowie physische und psychische Krankheiten. Die persönliche Unzufriedenheit über die Situation wird häufig durch Kompensationshandlungen wie PC-Spiele, Essen, Alkohol und andere Suchtmittel befriedet, die ein kurzzeitiges Wohlbefinden erzeugen.

 

Für viele Menschen führt dieser Weg in eine Negativ-Spirale von Vermeidungsverhalten und Unzufriedenheit, ein Teufelskreis, der bis hin zur sozialen und emotionalen Bewegungslosigkeit und Isolation führen kann. Der Weg zurück in einen normalen (Arbeits-)Alltag wird zudem schwieriger, je öfter diese Menschen Vermeidungsstrategien anwenden, die ein kurzzeitiges Erfolgserlebnis vermitteln. Diese Strategien werden rasch verinnerlicht und die Hürde sich zu überwinden die eigenen Ressourcen zu aktivieren wird demnach immer höher. Der Neustart, auch für das seelische und körperliche Wohl zu sorgen fällt schwer und ist manchmal ohne äußeren Anstoß nicht möglich.

 

Warum Pferdegestütztes Persönlichkeitstraining?

Wir gehen in unserer Grundannahme davon aus, dass jeder Mensch sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen und sozial interagieren möchte. Er möchte etwas leisten, sich fit fühlen, gesellschaftlich und zwischenmenschlich anerkannt sein und sich ein subjektiv als erfolgreich empfundenes Leben aufbauen. Menschen die sich in Ausnahmesituationen befinden , vom  burnout bedroht sind, kapitulieren leicht und haben verlernt sich auf ihre Ressourcen zu besinnen ,Sie haben verlernt, sich anstrengen zu wollen und haben verlernt, das wohltuende Gefühl zu suchen, welches sich einstellt, nachdem man etwas geleistet hat, weil sie die Leistung die sie bringen müssen nicht als positives Gefühl erleben.

Unsere Idee ist, diese Menschen davon zu überzeugen, vorhandene Verhaltensmuster zu durchbrechen, um einen Weg aus der Isolation zurück zu ihren vorhandenen Ressourcen zu finden.

Bei unserer Arbeit mit den Pferden geht es um das Wiedererlernen sozialer Kompetenzen (soft skills) wie Übernahme Verantwortung, Durchsetzungsfähigkeit, Konsequenz und Authentizität. Unsere Pferde nehmen vorurteilsfrei mit dem Menschen Kontakt auf, und motivieren ihn dazu, aus seiner Isolation zu treten. Durch diese mögliche Öffnung werden Pforten zu den eigenen Ressourcen geöffnet die emotionale Lernprozesse ermöglichen. Unser Konzept richtet sich inhaltlich und methodisch  nach folgenden Punkten:

 

  1. Motivation

Aus kulturgeschichtlicher Sicht begleitet das Pferd den Menschen seit sehr langer Zeit als Nutz- und Arbeitstier, als Beförderungsmittel, als Statussymbol und als Freund. Es ist in der Lage, durch seine lange Geschichte, die es mit dem Menschen verbracht hat Faszination und Euphorie zu erzeugen. Pferde verkörpern viele positiv bewertete menschliche Attribute wie Kraft, Anmut, Schnelligkeit, Präsenz, Freundlichkeit und Güte, um nur einige davon zu nennen. Durch die Anatomie des Pferdes befindet sich der Mensch mit dem Pferd im Gegensatz zu vielen anderen Tieren sozusagen in einem Dialog auf Augenhöhe.

Viele Menschen, die eine gewisse Affinität zu Pferden haben, lassen sich hervorragend dazu motivieren, mit dem Pferd zu arbeiten. Der Mensch neigt dazu, vorweg genannte Attribute zu erlangen. Über das Vertrauen des Pferdes und die Arbeit mit den Tieren hat er die Möglichkeit, deren Eigenschaften und Kommunikationsweise zu studieren zu erlernen. Unsere langjährig erfahrenen Therapiepferde sind dem Menschen gegenüber sehr freundlich und zugewandt, holen ihn vorurteilsfrei dort ab wo er gerade steht, bieten Körperkontakt, Wärme und ein absolut ehrliches Feed-Back

 

  1. Beständigkeit

Wiederholung der aufeinander aufbauenden Arbeitsschritte bei den Teilnehmern eine Beständigkeit wiederherstellen. Die Arbeit beinhaltet neben der Arbeit am Pferd wie Führen oder Reiten auch pflegerische und fürsorgliche Inhalte. Das Pferd ist vom Menschen abhängig und muss von ihm versorgt werden. Es benötigt regelmäßig Futter, Wasser, einen sauberen Schlafplatz, sowie Fell- und Hufpflege. All diese Arbeite werden von unseren Teilnehmern mit verrichtet und sind im Ablauf ritualisiert. Dadurch diese wiederkehrende Beständigkeit der Aufgaben entwickelt sich eine erhöhte Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein und das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Um als Leittier funktionieren zu können, muss der Mensch Verantwortung auf sich nehmen und durch Stärke die Herde anführen.

 

  1. Kommunikationsfähigkeit

Um mit dem Pferd erfolgreich arbeiten zu können ist es von großer Wichtigkeit, sich seines Kommunikationsverhaltens bewusst zu werden. Da Pferde einen „klaren Auftrag“ benötigen um uns zu verstehen, muss die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd authentisch sein. Das heißt wenn eine bestimmte Aktion von einem Pferd gewünscht wird, z.B. (Aus-)Weichen, muss die fordernde Person intrinsisch davon überzeugt sein, dass das Pferd der Aufforderung nachkommt und zeitnah weicht. Verhält sich der Mensch im Zuge seiner Aufforderung unsicher ob seiner eigenen Überzeugungskraft wird das Pferd der Aufforderung nicht nachkommen. Diese Unsicherheit spürt das Pferd in Form von zögerlichem Verhalten und unsicherer Körpersprache wie Zurückweichen, sich Abwenden, gesenktem Blick oder fehlender Körperspannung. Ist sich der Mensch jedoch sicher in seinem Vorhaben das Pferd weichen zu lassen und drückt durch seine Körpersprache und seine Gedanken die Aufforderung aus: „Du weichst jetzt!“, wird das Pferd die Dominanz akzeptieren und weichen. Authentizität in der Kommunikation und eine positiv besetzte Körpersprache sind wichtige Komponenten um ein gelingendes soziales Miteinander innerhalb von Beziehungsgefügen zu gewährleisten.

 

  1. Positive Konfliktbewältigung

Menschen , die sich in Ausnahmesituationen befinden haben es verlernt   zu kommunizieren und sich zu öffnen. Sie haben sich Verhaltensmuster angewöhnt die ein Ausweichen Ihnen unangenehmen Situationen ermöglicht. Oft wissen sie nicht was sie wollen und können so für ihre Belange nicht einstehen, oder sie kommen aus der Abwärtsspirale nicht mehr heraus . Diese Verhaltensmuster funktionieren bei der Arbeit mit dem Pferd nicht. Die Rollen von Pferd und Reiter/Führendem, von versorgendem Menschen und dem bedürftigen Tier sind vorgeschrieben und funktionieren nur in festgelegten Rollenmustern. Der Erfolg oder Misserfolg einer Handlung oder geplanten Aktion ist von den Teilnehmern immer sofort messbar. Da diese Rollenmuster vorgegeben sind ist eine Messung, was funktioniert und was nicht, unmittelbar möglich. Zudem ist eine weiterführende Abschätzung vonnöten, was bei größerer Anstrengung/Überwindung noch möglich wäre, um das sich selbst gesteckte Ziel (z.B. das Führen des Pferdes über ein schwieriges Hindernis) zu erreichen. Die gemeinsame Erarbeitung eines Transfers der gesammelten Erfahrung über die eigenen Konfliktbewältigungsstrategien in Bezug auf alltägliche, scheinbar unüberwindbare Hürden der Teilnehmer ist hier möglich.

 

  1. Fitness

Durch die Arbeit mit und am Pferd werden Muskeln trainiert, Sinne geschärft, Beweglichkeit und Flexibilität gefördert. Allein die Pflege und Versorgung der Pferde erfordert ein gewisses Maß an körperlicher Anstrengung. Pferde erwarten vom Menschen als Leittier mentale Stärke, Wachsamkeit und Beweglichkeit. Der Mensch wird vom Pferd bei entsprechendem Auftreten als Anführer anerkannt und folgt ihm vertrauensvoll. Es begibt sich sozusagen in seine Obhut. Führungspositionen müssen erarbeitet und kontinuierlich innerhalb des sozialen Mensch-Pferd-Gefüges verteidigt und verfestigt werden. Der Mensch gibt dem Pferd die Richtung an und vermittelt ihm dadurch Sicherheit. Da das Pferd den Rang als Leittier an den Mensch abgibt muss nun der Mensch ermessen und entscheiden ob eine Situation für die Herde gefährlich oder ungefährlich ist. Begibt sich der Mensch in die Position des Leittieres muss er von nun an viele Dinge gleichzeitig beachten und Situationen abwägen, um die Herde zu schützen.

 

 

Durchführung der Maßnahme:

Die Gruppe sollte auf höchstens 8 Teilnehmer begrenzt sein und trifft sich einmal wöchentlich für 3 Stunden in der Reitanlage Ungersmühle. Die Vor- und Nachbereitungszeit incl. Dokumentation beträgt ca. 1h.

 

  1. Gemeinsames Ankommen, Blitzlichtrunde, evtl. kleines Frühstück
  2. Gemeinsames Gespräch über persönliche Wünsche und Interessen in Bezug auf den Ablauf des Vormittags (wer möchte mit welchem Pferd arbeiten, wer bildet mit wem zusammen ein Team usw.)
  3. Putzen und Bereitmachen der Pferde
  4. Arbeit mit dem Pferd ca. 60 min.
  5. Versorgen der Pferde und Stallarbeit
  6. Abschlussrunde/ Erfahrungsaustausch/ Theoretischer Transfer der gesammelten Erfahrungen und erlernten Kompetenzen auf Alltagssituationen. Erörterung des persönlichen Gewinns.

Inhalte:

  • Beobachten der Pferde und ihrer arttypischen Verhaltensweisen
  • das Pferd führen und geführt werden
  • Bewältigung einer gestellten Aufgabe mit dem Pferd entweder alleine oder im Team
  • Je nach körperlicher Fitness und eigenem Wunsch Reiten an der Longe/ Selbständiges Reiten

 

Unserer Ansicht nach sollte die Teilnahme am Pferdegestützten Persönlichkeitstraining mindestens 6 Monate betragen, um einen persönlichen Erfolg für die Teilnehmer zu gewährleisten. Wichtig jedoch ist die grundsätzliche Bereitschaft mit diesen Tieren zu arbeiten, im Idealfall sollte eine gewisse Affinität zu Pferden vorhanden sein. Die Teilnehmer sollten wetterangepasste Kleidung und feste Schuhe tragen. Vorkenntnisse im Umgang mit Pferden sind nicht erforderlich.

 

Beispiel für eine Übung mit dem Pferd und deren pädagogisches Ziel:

Übung:

Selbständiges Führen eines Pferdes

 

Inhalt:

  • Erleben und Trainieren von Führungsübernahme
  • Anwendung von Durchsetzungstechniken
  • Gezielter Einsatz von nonverbaler Kommunikation

 

Ziele:

  • Trainieren von Präsenz, Konsequenz und Zielorientierung
  • Angstbewältigung, Abbau irrationaler Ängste und Vorstellungen
  • Förderung der Ausdauer in Bezug auf das Erreichen persönlicher Ziele
  • Verbesserung des Selbstvertrauens und des Vertrauens in eine aktive Handlungsfähigkeit